Heute auch in der Serie Mikrokosmos: Die Piratenpartei.
Ich habe irgendwie Angst davor, einen Mikrokosmos-Eintrag über die Piraten zu schreiben. Alleine das Präfix Mikro könnte für Aufregung Sorgen. Und ruck-zuck heisst es dann #kuechenkabinett-. Und das, wo ich gerade erst gestern eine Twitter-Anmeldung hinter mich gebracht habe. Anyway.
Die Piratenpartei ist derweil die Mikropartei mit der höchsten Medienpräsenz und hält allenthalben so etwas wie die faktische Netzherrschaft durch eine entsprechend hohe Zahl an aktiven Mitgliedern inne. Nichts beweist das besser als Sascha Lobos Auswertung von Twitter Feeds zur Wahl:
Da demnächst wieder viele Menschen in Kleinbloggersdorf vorbeischauen, die ebenjenes im Wahlkampf das erste Mal besuchen. Die vielen schlechten Bewertungen für die SPD und CDU ergeben sich schlicht daraus, dass der geneigte Pirat bei der positiven Bewertung seiner eigenen Partei die anderen schnell mit abwertet. Sprich #CDU-, #SPD-, #Piraten+. Schöne neue Welt der freien Meinungsäußerung.
Die Piraten sind eine Single-Issue-Partei, die sich Kernkompetenzen der Netzpolitik und virtuellen Freiheiten des Einzelnen auf die gefürchtete Flagge geschrieben hat. Am Rande bemerkt: Es ist völlig legitim, eine Single-Issue-Partei zu sein. Und in der Gründungszeit der Bundesrepublik war es auch nicht ungewöhnlich, dass Single-Issue-Partien im Bundestag und in Landtagen vertreten waren. Stichwort: Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten.
Die hohe Medienpräsenz auch in traditionellen Medien haben die Piraten ihrem ehrbaren Abschneiden bei den Europawahlen (0,9%), der Debatte über Netzzensur, dem Umstand, dass sie einen Bundestagsabgeordneten stellen ohne je an entsprechenden Wahlen teilgenommen zu haben, und jüngeren Debatten über Ausschweifungen ihres politisch rechten Flügels zu verdanken.
Wenn früher von den Grünen die Rede war, dann war es häufig im Zusammenhang mit etwas abwertend gemeinten Begriff "basisdemokratisches Experiment". Es ist Jhonny von Spreeblick zu verdanken, dass er in zwei hübschen und über alle hochkochenden Emotionen erhabenen Artikeln darauf aufmerksam gemacht hat, dass es die Piraten sind, die sich wirklich einem virtuellen basisdemokratischen Experiment hingeben (müssen), das irgendwo zwischen Gulli-Board, dem Heise-Forum, Twitter und zahllosen Blogs ausgetragen wird.
Das wird in der Tat eine spannende Frage werden. Natürlich brauchen Parteien Kohärenz, eine klare Organisationsstrukur und spezifische interne Kommunikationwege und Verfahren, um ihre Funktionen hinreichend erfüllen zu können. Insbesondere, wenn es um Interessensartikulation und -aggregation, Komplexitätsreduktion, Integration und Mobilisierung geht. Das sind schlichtweg Fragen von Effizienz und Effektivität. Kann man noch Entscheidungen treffen, wenn sich wirklich aberhunderte von Leuten ständig und vehement daran beteiligen?
Natürlich. Auf "Meine-SPD" dürfen auch 30000 Teilnehmer ihren eigenen Blog führen und jedes und alles in entsprechenden Foren mitdiskutieren. Aber das ist natürlich vollständig selbstreferentiell und nichts anderes als Beschäftigungstherapie für die Willigen.
Die Community existiert einzig und allein zu dem Zweck, dass Teilnehmern vorgegaukelt wird, sie könnten sich Gehör verschaffen oder beteiligen. Aber das interessiert natürlich keinen einzigen Entscheidungsträger der Partei. Es wäre auch unmöglich das Alles zur Kenntnis zu nehmen.
Ganz im Gegensatz dazu, wird es von den Piraten erwartet, dass sie sich darauf einlassen. Die Partei ist quasi diese wüste und durcheinandergeratene Kommunikationsstruktur. Sie ist ihre Legitimation.
Jeder Parteinforscher würde darauf gut begründet Folgendes sagen: das ist völlig ganz und gar zum Scheitern verurteilt.
Sollte sich aber herausstellen, dass man Interessen - langfristig eventuell auch andere Themenbereiche - dergestalt organisieren kann. Dann ist das natürlich Revolution.
Den Wordle zur Piratenpartei gibts hier.



1 Kommentare:
Piraten sind leidensfähig, müssen sie auch sein.
Nur ist es wichtig das die Inhalte aus dem Netz auf die Straße transportiert werden. Eine Wahl wird nicht im Netz entschieden. Die Frage ist ob das Intresse bestehen bleibt und ob alle klickenden Piraten auch noch Kreuze in der realen Welt machen können. Bleibt die Wahlbeteiligung im Keller und gehen alle aktivierten "Piratenwähler" auch zur Wahl, könnte es eine Überraschung zur Bundestagswahl 2009 geben, aber reichen wird das nicht.
Wieviele deutsche Internetnutzer 2.0 gibt es und wieviele sind noch 1.0? Denn 1.0 Nutzer erreicht Twitter, Blog und Co leider nicht, diese Nutzer schreiben ihre Mails und wenn sie intensive Nutzer sind kaufen sie mal etwas ein, nur Blogs lesen sie selten. Es sind viele Menschen aktiviert worden aber es ist noch ein sehr weiter Weg.
(noch kein Pirat)
Kommentar veröffentlichen